Ursprünge des Yoga

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Bereits in der Zeit der Upanishaden, ca. 8. – 2. Jh. v. Chr. , wird angenommen, dass allen materiellen Ausdrucksformen des Universums eine subtile Wirklichkeit, ein reines Bewusstsein, zugrunde liegt. Für die indische Philosophie ist die Welt der Erscheinungen nichts als Bewegung, Schwingung und Entwicklung. Eine Vorstellung, die sich mit den modernen Erkenntnissen aus der Quantenphysik deckt. Allen indischen Philosophien und Religionen gemeinsam ist die Annahme, dass hinter der Welt der Erscheinungen, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, es eine allumfassendere Wirklichkeit zu erfahren gibt. Der Yoga dient letztlich dazu unsere Essenz zu erfahren und uns wieder mit dem Universum zu verbinden.

Ursprünglich war Yoga ein elitärer und rein meditativer Weg, Männern und Asketen vorbehalten. Der heute verbreitete Hatha-Yoga (wörtl. “Yoga, der gewaltsamen Anstrengung”) wird ab dem 8. – 10. Jh. n. Chr. von den Nathyogins, einer volksnahen Gruppierung, begründet. Er wurzelt im Tantra, einer panindischen Bewegung, die damals sämtliche Religionen und Philosophien auf dem Subkontinent beeinflusst hat. Viele der heutigen Yogapraktiken entstammen vor allem diesem Weg, der den Körper in den Mittelpunkt setzt und ihn als Ort der Erfahrung und Erkenntnis betrachtet. Über unseren Körper sind wir in der Lage zu handeln, uns auszudrücken und wahrzunehmen, unsere Sinne dienen uns als Tore zur Welt. Anders als die Asketen, die alles Körperliche und Weltliche versuchen zu überwinden, setzt der Hatha-Yogin seinen Körper ein, um die Welt zu erfahren. Die Verlebendigung des Körpers dient ihm als Voraussetzung für eine spirituelle Erfahrung. Und so entwickelt die tantrischen Lehre die Vorstellung einer spirituellen Anatomie, – die nur erfahrbar, nicht mess- oder sichtbar ist. Unser Körper ist demnach von einem Netz aus Energiekanälen, nadis, durchsetzt, in dem die Lebensenergie, prana, fliesst. Unser Atem ist Träger von prana und daher zentral beim Yogaüben. Weitere Ideen sind die Energiezentren, chakren,  in denen sich die nadis konzentrieren und die einem bestimmten Aspekt unseres Leben zugeordnet sind. Von Bedeutung ist die Arbeit am feinstofflichen Körper: mittels yogischer Übungen gilt es die schlafende Energie im Sakralbereich der Wirbelsäule, kundalini, zu wecken, damit sie sich mit dem kosmischen, reinen Bewusstsein, das oberhalb des Hauptes lokalisiert wird, vereinen kann. Die Polarität von weiblichen und männlichen Aspekten soll im Körper vereint werden, erst dann wird ein Mensch vollkommen. Des Weiteren wird der Körper als Mikrokosmos, der das Universum als Makrokosmos spiegelt, verstanden.

In der Hathayogapradipika, einer der wichtigsten Quellentexte des Hatha-Yoga aus dem 15. Jh. n. Chr., wird der Gott Shiva, einer der Hauptgötter des Hinduismus, als Begründer des Hatha-Yoga verehrt. Ausdauer, Geduld und regelmässige Übung werden darin vorausgesetzt, um im Hatha-Yoga Erfolg zu haben. Der Körper dient uns als Tor, um eine tiefere Einsicht in das eigene Wesen und zu bekommen, das Bewusstsein zu erweitern und um gegebenenfalls eine spirituelle Erfahrung zu machen.

„Dank dem Licht einer Lampe oder dank den Sonnenstrahlen erkennen wir einzelne Teile des gesamten Raums, ebenso, oh Geliebte, erkennen wir Shiva dank seiner Energie.“

Vijñana Bhairava Tantra

Monica Merz, Yoga in Eglisau